Baunormung: Mitdenken. Mitentscheiden. Mitgestalten.
Zum Welttag der Normung 2026 am 14. Oktober richten wir den Blick auf ein Thema, das im Bauwesen oft abstrakt oder theoretisch wirkt, aber den Planungs- und Baualltag maßgeblich prägt: die Baunormung. Damit praxistaugliche Normen entstehen, braucht es Fachwissen, Erfahrung und das Engagement unterschiedlicher Akteure.
Das Bauen und die gebaute Umwelt gestalten
Der Grundgedanke der Baunormung ist einfach: Normen sollen sichere, fachlich fundierte und gleichzeitig praktikable Lösungen für die Planung und Ausführung von Bauvorhaben bereitstellen. Die rund 500 Normen, die in den Technischen Baubestimmungen verankert sind, schaffen einen gemeinsamen rechtlichen und technischen Arbeitsrahmen für alle am Bau Beteiligten. Normen können dazu beitragen, Bauprozesse zu vereinheitlichen, den Aufwand zu verringern und das Bauen sicher zu machen. Ihr Einfluss reicht dabei über technische Fragen hinaus – bis in unseren Alltag und das gesellschaftliche Zusammenleben.
Nehmen wir die dreiteilige DIN 18040 [1] zum barrierefreien Bauen: Sie ist für Planende ein unabdingbares Werkzeug, Gebäude und deren Außenbereiche barriereärmer zu gestalten. Sie regelt u.a. Anforderungen an die Gestaltung von Zugängen, Türen, Bewegungsflächen, aber auch Rampen und Aufzügen. Dadurch trägt die Norm dazu bei, dass Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen Gebäude und Außenbereiche möglichst selbstständig und sicher nutzen können.
Und damit uns Treppen nicht zum Stolperstein werden, legt DIN 18065 [2] unter anderem Messregeln sowie wichtige Maße wie Steigung, Auftritt, Laufbreite und lichte Durchgangshöhe von Treppen fest.
Normung kostet – und zahlt sich aus
Das Engagement in der Normung stellt für viele eine zusätzliche Aufgabe dar, die Zeit, Fachwissen und intensive Vorbereitung erfordert. Zudem fallen Mitgliedsbeiträge an. Ingenieurbüros, Unternehmen und Institutionen, die ihre Fachleute für diese Aufgaben freistellen, leisten so einen wichtigen Beitrag zur Normung und schaffen einen gesellschaftlichen Mehrwert. Alle Nutzenden tragen zudem die Kosten für den Erwerb der fertiggestellten Normen. Denn Normung ist teuer. Diesem Aufwand steht jedoch ein erheblicher Nutzen für das Bauwesen gegenüber. Wie sich dieser Nutzen in der Praxis zeigt, verdeutlicht die Überarbeitung des Eurocode 3 für den Stahlbau. Erklärtes Ziel war es, neue Bemessungsmethoden aufzunehmen, die europaweite Harmonisierung weiter voranzubringen und die Anwendungstauglichkeit zu verbessern.
Bei DIN EN 1993-1-5 [3] zu plattenförmigen Bauteilen wurde beispielsweise die Methode der reduzierten Spannungen (Reduced Stress Method, RSM) neu strukturiert und anwendungsfreundlicher gestaltet. Regelungen zu Trägern mit profilierten Stegen und zur Ermittlung wirksamer Querschnitte wurden aus den Anhängen in den Haupttext überführt. Die Zahl der Nationalen Bemessungsparameter (NDP) konnte so von 15 auf drei reduziert werden. Das verringert den nationalen Regelungsbedarf deutlich und unterstreicht zugleich die Fortschritte bei der Harmonisierung sowie die Verbesserung der Anwenderfreundlichkeit.
Die Beispiele zeigen: Normungsarbeit ist weit mehr als das Formulieren technischer Spezifikationen. Sie führt Fachwissen zusammen, entwickelt praxistaugliche Lösungen und schafft gemeinsame Regeln, die die Anwendung neuer Erkenntnisse erleichtern und die Harmonisierung im europäischen Bauwesen voranbringen.
Normung lebt von Beteiligung
Das DIBt ist in mehr als 285 nationalen und europäischen Normungsgremien aktiv, darunter mehr als 200 DIN-Arbeitsgremien. 23 DIBt-Referentinnen und Referenten sind von ihren Gremien in entsprechende europäische CEN-Komitees und Arbeitsgruppen entsandt.
Expertinnen und Experten des DIBt prüfen zudem neue Normen und Normentwürfe im Stadium „Öffentliche Umfrage“ auf ihre bauaufsichtliche Relevanz – unabhängig davon, ob das DIBt im jeweiligen Arbeitsausschuss vertreten ist.
Doch gute Baunormen entstehen nicht allein durch die Berücksichtigung bauaufsichtlicher Anforderungen. Entscheidend ist die Vielfalt der fachlichen Erfahrungen und Perspektiven, die in ihre Erarbeitung einfließen. Bauingenieurinnen und Bauingenieure, Fachplanende, Hersteller, Ausführende, Wissenschaft und Bauaufsicht bringen jeweils ihre Perspektive und Erfahrung ein.
Wer sich an der Normungsarbeit beteiligt, gestaltet die technischen Regeln und das Bauen von morgen aktiv mit. Wie wichtig dieses gemeinsame Engagement ist, zeigt die Überarbeitung des Eurocode 3. Ohne die intensive Zusammenarbeit von Fachleuten aus Praxis und Wissenschaft wäre die Arbeit in den mehr als 22 Fachgruppen kaum möglich gewesen. Das Engagement der Fachleute und die Unterstützung durch ihre Arbeitgeber sind dafür unverzichtbar. Und ein Bauen ohne verlässliche Normen? Undenkbar.
Zum Welttag der Normung
Die internationalen Normungsorganisationen ISO (International Organization for Standardization), IEC (International Electrotechnical Commission) und ITU (International Telecommunication Union) rufen jährlich am 14. Oktober zum Weltnormentag (World Standards Day) auf. Der Tag steht unter dem Motto „Shared vision for a better world“.
[1] DIN 18040-1:2010-10 Barrierefreies Bauen – Planungsgrundlagen – Teil 1: Öffentlich zugängliche Gebäude
[2] DIN 18065:2020-08 Gebäudetreppen – Begriffe, Messregeln, Hauptmaße
[3] DIN EN 1993-1-5:2025-04 Eurocode 3 – Bemessung und Konstruktion von Stahlbauten – Teil 1-5: Plattenförmige Bauteile; Deutsche Fassung EN 1993-1-5:2024

